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CBG (Cannabigerol): Wirkung, Studien und Unterschiede
CBG wird in Diskussionen rund um medizinisches Cannabis häufig als „Muttercannabinoid" genannt. Anders als THC macht es nicht high, anders als CBD ist es kaum erforscht. Dieser Ratgeber erklärt, was Cannabigerol chemisch ist, wie die CBG-Wirkung im Körper aussieht, was die Studienlage hergibt und wo es vorkommt — im Wirkstoffe-Überblick und im Kontext der Cannabinoid-Grundlagen.
Co-Founder & Chief Pharmaceutical Officer · Apotheker
Was ist CBG (Cannabigerol)?
CBG steht für Cannabigerol und gehört zu den rund 150 bekannten Phytocannabinoiden der Cannabispflanze. Es wirkt nicht psychotrop und löst keinen Rausch aus. Die Affinität zu CB1 und CB2 ist gering; stattdessen interagiert CBG vor allem mit α2-Adrenozeptoren, 5-HT1A-Rezeptoren und PPARγ — Andockstellen, die unter anderem Schmerz, Stimmung und Entzündungsreaktionen mitregeln. Quellen: Rohleder und Müller 2021; Nachnani, Raup-Konsavage et al. 2021; Cascio et al. 2010
Chemische Einordnung als Phytocannabinoid
Phytocannabinoide sind terpenoide phenolische Verbindungen mit Resorcinyl-Kern und Isoprenyl-, Alkyl- oder Aralkyl-Seitenkette. CBG gehört zum Cannabigerol-Typ mit linearer Isoprenyl-Anordnung, im Unterschied zu THC oder CBD, deren Strukturen aus monozyklischen Vorläufern entstehen. Quellen: Flores-Sanchez und Verpoorte 2008; Hanuš, Meyer et al. 2016
In der lebenden Pflanze liegt CBG fast ausschließlich als Cannabigerolsäure (CBGA) vor. Über drei Enzyme entstehen daraus die Säureformen von THC, CBD und Cannabichromen (THCA, CBDA, CBCA). Erst durch Trocknung, Lagerung oder Erhitzen wird CBGA decarboxyliert — daraus entsteht das neutrale, pharmakologisch aktivere CBG. Daher die Bezeichnung als „Mutter-" oder „Vorläufersubstanz" der wichtigsten Cannabinoide. Quellen: Gülck und Møller 2020; Rohleder und Müller 2021
In den meisten Sorten bleibt der CBG-Gehalt niedrig, weil CBGA während der Reife weitgehend in andere Cannabinoide umgewandelt wird. Es gibt jedoch Chemotypen (Typ IV), bei denen CBGA dominant bleibt — gezüchtet für die CBG-Forschung. Quellen: Schilling, Dowling et al. 2021
Entdeckung und Forschungsgeschichte
CBG wurde 1964 erstmals in reiner Form aus Cannabisharz isoliert — die erste in Reinform gewonnene Cannabinoid-Verbindung überhaupt. Strukturaufklärung und Erstsynthese stammen von Yehiel Gaoni und Raphael Mechoulam am Weizmann-Institut. Schon früh zeigten Tierversuche, dass CBG keine THC-typischen psychotropen Effekte auslöst. Quellen: Gaoni und Mechoulam 1964b; Gaoni und Mechoulam 1971; Grunfeld und Edery 1969
Lange galt Cannabigerol als wenig erforschtes Nebencannabinoid. Erst seit den 2000er-Jahren rückt es stärker in den Fokus. In-vitro- und Tierstudien deuten auf ein eigenständiges pharmakologisches Profil hin, darunter α2-Adrenozeptor-Agonismus und Modulation von TRP-Ionenkanälen. Klinische Studien am Menschen fehlen bisher weitgehend. Quellen: Cascio et al. 2010; De Petrocellis et al. 2011; Comelli et al. 2012
CBG als Muttercannabinoid: die Vorstufe von THC und CBD
Die Bezeichnung „Muttercannabinoid" hat einen biochemischen Hintergrund: CBGA ist das zentrale Zwischenprodukt, aus dem die Pflanze fast alle anderen Cannabinoide herstellt. Mehr als 150 bekannte Cannabinoide leiten sich überwiegend von Cannabigerolsäure ab. Quellen: Hanuš, Meyer et al. 2016; Ujváry und Hanuš 2016
Cannabigerolsäure (CBGA) als Ausgangsstoff
CBGA ist das gemeinsame Substrat dreier Enzyme: THCA-Synthase, CBDA-Synthase und CBCA-Synthase. Aus demselben Molekül entstehen die sauren Vorstufen Δ⁹-THCA, CBDA und CBCA. Erst durch Decarboxylierung werden daraus THC, CBD und CBC. Quellen: Gülck und Møller 2020; Hanuš, Meyer et al. 2016
Biosynthese in der Cannabispflanze
Die Bildung läuft in den Trichomen der weiblichen Blüten ab. Aus Hexansäure entsteht Olivetolsäure, die mit Geranyldiphosphat über die Cannabigerolsäure-Synthase (CBGAS) zu CBGA verknüpft wird. Junge Pflanzen enthalten oft mehr CBGA, das im Reifeverlauf zunehmend zu THCA und CBDA umgesetzt wird. CBG bleibt deshalb in den meisten reifen Sorten ein Nebenbestandteil. Quellen: Gülck und Møller 2020
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CBG Wirkung im Endocannabinoid-System
Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein körpereigenes Regulationssystem aus Rezeptoren, Botenstoffen und abbauenden Enzymen. Es trägt dazu bei, Stimmung, Schmerzempfinden, Appetit und Immunabwehr im Gleichgewicht zu halten. CB1 sitzt vor allem im Nervensystem, CB2 vor allem auf Immunzellen. CBG interagiert mit diesem System, aber deutlich anders als THC.
Bindung an CB1- und CB2-Rezeptoren
CBG bindet nur schwach an CB1 und CB2 — eine THC-typische Aktivierung bleibt aus. Genau deshalb wirkt CBG nicht psychotrop. In Laborstudien zeigte sich sogar, dass CBG den CB1-Rezeptor blockieren kann: Es verhielt sich als Antagonist gegenüber CB1-Aktivatoren wie Anandamid. Damit unterscheidet es sich grundlegend von THC, das CB1 stark stimuliert. Quellen: Cascio et al. 2010; Rohleder und Müller 2021
Weitere Rezeptoren und Mechanismen
Spannender als die schwache CB-Bindung sind andere Angriffspunkte. CBG ist ein potenter Agonist am α2-Adrenorezeptor — in Tierversuchen reduzierte Cannabigerol darüber Schmerzreaktionen vergleichbar mit Clonidin. Zusätzlich wirkt CBG als Antagonist am 5-HT1A-Rezeptor und als Agonist am PPARγ. Auch TRPA1 (Aktivierung) und TRPM8 (Hemmung) gehören zu den Zielstrukturen. Belastbare klinische Daten am Menschen stehen aber noch aus. Quellen: Cascio et al. 2010; De Petrocellis et al. 2011; Comelli et al. 2012; Nachnani, Raup-Konsavage et al. 2021; Rohleder und Müller 2021
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Aktuelle Studienlage zu CBG
CBG gilt in der Cannabisforschung weiterhin als wenig untersuchtes Phytocannabinoid. Seit der Strukturaufklärung 1971 konzentriert sich die Forschung vor allem auf Laborexperimente und Tiermodelle. Belastbare klinische Studien am Menschen fehlen weitgehend — vieles, was online als „Wirkung" dargestellt wird, beruht auf präklinischen Daten. Quellen: Gaoni und Mechoulam 1971; Grunfeld und Edery 1969
Untersuchte Anwendungsgebiete
In-vitro-Studien belegen, dass CBG als CB1-Rezeptor-Antagonist wirkt, die Wiederaufnahme von Anandamid hemmt und mit TRPA1- und TRPM8-Ionenkanälen interagiert. Unerwartet zeigte sich CBG zudem als potenter α2-Adrenozeptor-Agonist. Quellen: Cascio et al. 2010; Ligresti et al. 2006; De Petrocellis et al. 2008; De Petrocellis et al. 2011
In Tierversuchen reduzierte CBG dosisabhängig (1, 5, 10 mg/kg i.p.) Schmerzreaktionen im Formalin- und im λ-Carrageenan-Test bei Mäusen — vergleichbar mit Clonidin. In Huntington-Modellen wurde zudem ein protektiver Effekt von CBG, THC und CBD auf striatale Neurone berichtet. Quellen: Comelli et al. 2012; Sagredo et al. 2009; Valdeolivas et al. 2015
Grenzen der aktuellen Forschung
Die Befunde stammen fast ausschließlich aus In-vitro- und Tierstudien. Ob sich die Effekte auf den Menschen übertragen lassen, ist offen. Kontrollierte klinische Studien zu CBG bei Schmerz, Entzündung oder neurodegenerativen Erkrankungen fehlen bislang. In der deutschen BfArM-Begleiterhebung spielt CBG keine eigenständige Rolle. Aussagen zu einer therapeutischen Wirksamkeit von CBG sind aktuell wissenschaftlich nicht belegt. Quellen: Pertwee 2009; BfArM Begleiterhebung 2022
CBG vs. THC und CBD: die wichtigsten Unterschiede
THC, CBD und CBG sind alle Phytocannabinoide aus Cannabis sativa, unterscheiden sich aber deutlich in Wirkprofil, Bindungsverhalten und Erforschungsgrad.
CBG und THC im Vergleich
THC ist der zentrale psychotrope Inhaltsstoff und bindet als Partialagonist an CB1 und CB2. CBG hat geringe Affinität zu CB1 und CB2 und wirkt nicht psychotrop. Quellen: Pertwee 2008; Grunfeld und Edery 1969; Rohleder und Müller 2021
CBG und CBD im Vergleich
Auch CBD ist nicht psychotrop und bindet nur schwach an CB1 und CB2. CBG ist jedoch relevanter Antagonist von α2-Adreno- und 5-HT1A-Rezeptoren und Agonist von PPARγ — ein anderes Rezeptorprofil als bei CBD, das unter anderem 5-HT1A aktiviert und über TRPV-Kanäle wirkt. Quellen: Cascio et al. 2010; Nachnani, Raup-Konsavage et al. 2021; Rohleder und Müller 2021
Tabellarischer Überblick
| Merkmal | THC | CBD | CBG |
|---|---|---|---|
| Psychotrope Wirkung | ja | nein | nein |
| CB1/CB2-Affinität | hoch (Partialagonist) | niedrig | niedrig |
| Weitere Bindungsstellen | β-Arrestin-2, weitere | 5-HT1A, TRPV, D2 (Hemmung) | α2-Adreno-, 5-HT1A-Antagonist; PPARγ-Agonist |
| Erforschungsgrad | sehr gut | gut | begrenzt |
Quellen: Pertwee 2008; Rohleder und Müller 2021
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Wo ist CBG enthalten? Sorten, Produkte und Verfügbarkeit
CBG ist in den meisten Cannabissorten nur in sehr kleinen Mengen enthalten. Eine Analyse fand einen CBG-Anteil von etwa 0,06 % in der Pflanzenmatrix — deutlich weniger als THC oder CBD im selben Material. Quellen: Pacifici, Marchei et al. 2017
CBG-reiche Cannabissorten
Pflanzen vom Chemotyp IV sind die einzige Gruppe, in der CBGA das dominante Phytocannabinoid bleibt. Solche Linien entstehen durch Mutationen in den Schlüsselenzymen, die CBGA sonst zu THCA oder CBDA umbauen. Eine bekannte CBG-reiche Faserhanf-Sorte ist Carma mit rund 55 % CBGA in der Cannabinoidfraktion. Quellen: Schilling, Dowling et al. 2021; de Meijer und Hammond 2005; Fournier et al. 1987
Darreichungsformen: Blüten, Öle, Extrakte
In Deutschland sind medizinische Cannabisprodukte als getrocknete Cannabisblüten, eingestellte Cannabisextrakte und als zugelassene Fertigarzneimittel verfügbar. Die Arzneibuchmonographien charakterisieren diese Produkte vor allem über THC- und CBD-Gehalt — CBG steht selten im Vordergrund der Sortenauswahl.
Verfügbarkeit in der Apotheke
Cannabisarzneimittel sind in Deutschland verschreibungspflichtig und werden über Apotheken abgegeben. Ob eine Cannabistherapie medizinisch sinnvoll ist und welche Form passt, entscheidet die behandelnde Ärzt:in. Bei uns prüfen wir Rezept und Produktangaben und unterstützen bei Fragen zur sicheren Anwendung.
Quellen
Häufige Fragen zu CBG
Macht CBG high? +
Nein. Cannabigerol hat nach aktueller Studienlage nur eine geringe Affinität zu den Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 und wirkt, ähnlich wie CBD, nicht psychotrop. Eine berauschende Wirkung wie bei THC ist nach derzeitigem Kenntnisstand nicht beschrieben. Auch in Tierversuchen zeigten sich keine THC-typischen Effekte.
Ist CBG in Deutschland legal? +
CBG selbst ist im Betäubungsmittelgesetz nicht als Betäubungsmittel gelistet. Wie CBD unterliegt es jedoch der Arzneimittelregulierung: Sobald ein Produkt als Arzneimittel eingestuft wird, ist es verschreibungspflichtig und muss über eine Apotheke bezogen werden. Frei verkäufliche CBG-haltige Nahrungsergänzungsmittel und Lebensmittel werden in Deutschland zunehmend kritisch bewertet. Eine pauschale Aussage „frei verkäuflich" ist daher nicht haltbar.
Macht CBG müde oder wach? +
Belastbare klinische Daten speziell zu Cannabigerol fehlen. Für Cannabinoide insgesamt, vor allem THC und CBD, gehören Müdigkeit, Schwindel und Schläfrigkeit zu den am häufigsten dokumentierten Nebenwirkungen. In der Begleiterhebung des BfArM zählten Müdigkeit (rund 15 %) und Schwindel (rund 9 bis 10 %) zu den häufigsten Effekten unter Cannabisarzneimitteln. Ob CBG eher anregend oder dämpfend wirkt, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt.
Welche Nebenwirkungen sind bekannt? +
Spezifische Sicherheitsstudien zu isoliertem CBG am Menschen sind rar. Aus der Cannabinoid-Forschung sind als typische unerwünschte Wirkungen Müdigkeit, Mundtrockenheit, Schwindel, Übelkeit und Aufmerksamkeitsstörungen beschrieben. Wie umfangreich diese Effekte auf CBG zutreffen, lässt sich anhand der vorliegenden Daten nicht zuverlässig beziffern.
Kann CBG mit Medikamenten wechselwirken? +
Für CBD ist gut dokumentiert, dass es relevante Cytochrom-P450-Enzyme (unter anderem CYP3A4, CYP2C19) hemmt und Plasmaspiegel anderer Wirkstoffe verändern kann. Für CBG liegen vergleichbar belastbare Interaktionsdaten bislang nicht vor. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte eine zusätzliche Einnahme cannabinoidhaltiger Produkte deshalb immer mit der behandelnden Ärzt:in besprechen.
Wie bekomme ich medizinisches CBG? +
Cannabisarzneimittel, einschließlich cannabinoidhaltiger Blüten und Extrakte, werden in Deutschland nur auf ärztliche Verschreibung in Apotheken abgegeben. Ob eine Cannabistherapie medizinisch sinnvoll ist, prüft deine behandelnde Ärzt:in. Bei uns in der Apotheke unterstützen wir dich bei der Abgabe auf Rezept und bei Fragen zur Anwendung.
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Medizinischer Hinweis ›
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den Forschungsstand, nicht das individuelle Ansprechen einer einzelnen Patientin oder eines einzelnen Patienten. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung infrage. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärztin, deinen Arzt oder an uns in der Apotheke.
