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Cannabis bei Schmerzen: Was die Studienlage zu chronischen Schmerzen zeigt
Chronische Schmerzen können Alltag, Schlaf und Lebensqualität über lange Zeit prägen. Dieser Ratgeber erklärt, was die Forschung zu medizinischem Cannabis bei Schmerzen aussagt, bei welchen Schmerzformen die Evidenz stärker oder schwächer ist und welche Rolle die ärztliche Begleitung spielt. Ergänzend findest du bei uns Informationen zu THC, CBD und weiteren Indikationen.
Co-Founder & Chief Pharmaceutical Officer · Apotheker
Cannabis bei Schmerzen: Worum es geht
Chronische Schmerzen sind die häufigste dokumentierte Diagnose bei Behandlungen mit Cannabisarzneimitteln in Deutschland. In mehr als drei Vierteln der in der BfArM-Begleiterhebung erfassten Fälle lag eine chronische Schmerzerkrankung vor. Cannabis kommt meist erst infrage, wenn etablierte Behandlungen nicht ausreichend helfen oder nicht gut vertragen werden. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022
Die erfassten Patient:innen lebten vor Beginn der Therapie im Median bereits acht Jahre mit ihrer Erkrankung. Eine cannabisbasierte Behandlung ist damit meist kein erster Schritt, sondern Teil einer individuell abgestimmten Versorgung. Cannabinoide können bei chronischen Schmerzen mäßig bis moderat wirken, am ehesten bei neuropathischen Schmerzen und schmerzhafter Spastik bei Multipler Sklerose. Für nozizeptive Schmerzen ist die Evidenz schwächer. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022; Whiting et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017; Karst und Passie 2018
Chronische Schmerzen medizinisch einordnen
Akuter Schmerz warnt vor Verletzung oder Entzündung. Chronischer Schmerz besteht über Monate fort, kann eigene Krankheitsmechanismen entwickeln und verlangt oft ein multimodales Behandlungskonzept.
- Nozizeptive Schmerzen entstehen durch Gewebeschädigung, etwa bei Arthrose oder nach Operationen.
- Neuropathische Schmerzen beruhen auf einer Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems, beispielsweise bei Polyneuropathie oder Multipler Sklerose.
- Nozizplastische Schmerzen werden mit einer veränderten Schmerzverarbeitung verbunden, etwa bei Fibromyalgie, ohne dass eine eindeutige Gewebe- oder Nervenschädigung nachweisbar sein muss.
Mischformen sind häufig. Die Unterscheidung ist relevant, weil Cannabinoide bei neuropathischen Schmerzen tendenziell besser untersucht sind als bei klassischen nozizeptiven Beschwerden. Schlaf, Stimmung, Stress und die emotionale Bewertung des Schmerzes können das Leiden zusätzlich prägen. Quellen: Fitzcharles, Baerwald et al. 2016; Åkerblom, Perrin et al. 2017; De Vita, Moskal et al. 2018
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Endocannabinoid-System und Schmerzverarbeitung
Das Endocannabinoid-System, kurz ECS, besteht aus Rezeptoren, körpereigenen Botenstoffen und abbauenden Enzymen. Es beeinflusst unter anderem Schlaf, Stress, Stimmung, Appetit und Schmerz. CB1-Rezeptoren sitzen besonders zahlreich im Nervensystem und können überstarke Nervensignale dämpfen. CB2-Rezeptoren finden sich vor allem auf Immunzellen, Mikroglia und Keratinozyten und werden bei Entzündung, Schmerzen und Nervenverletzungen verstärkt gebildet. Quellen: Kano, Ohno-Shosaku et al. 2009; Hashiesh, Sharma et al. 2021; Ibrahim, Porreca et al. 2005
Zu den wichtigsten körpereigenen Cannabinoiden zählen Anandamid, auch AEA, und 2-Arachidonylglycerol, kurz 2-AG. Sie werden bei Bedarf aus Membranbestandteilen gebildet und anschließend zügig wieder abgebaut. Das ECS ist an Nervenendigungen, im Rückenmark und im Gehirn aktiv. Bildgebende Studien weisen darauf hin, dass Cannabinoide den Schmerzaffekt stärker beeinflussen können als die reine Schmerzintensität. Quellen: Schlosburg, Blankman et al. 2010; Vučković, Srebro et al. 2018; Habib, Okorokov et al. 2019; Walker, Huang et al. 1999; Lee, Ploner et al. 2013; De Vita, Moskal et al. 2018
Studienlage zu Cannabis bei chronischen Schmerzen
Die klinische Forschung ist umfangreich, aber heterogen. Rund 30 randomisierte kontrollierte Studien mit etwa 2.500 Patient:innen untersuchten Cannabinoide bei chronischen Schmerzen. Der NASEM-Report von 2017 bewertet die Evidenz für einen Nutzen bei erwachsenen Patient:innen als substanziell. Metaanalysen beschreiben die durchschnittliche Wirkung jedoch eher als moderat. Quellen: NASEM 2017; Whiting et al. 2015; Karst, Wippermann et al. 2010
Neuropathische Schmerzen
Neuropathische Schmerzen sind am besten untersucht. Für THC/CBD-Mundsprays wie Nabiximols und inhaliertes Cannabis zeigen Übersichtsarbeiten eine Schmerzlinderung gegenüber Placebo, bei unterschiedlicher Studienqualität. Leitlinien führen Cannabinoide daher meist als Add-on-Option der dritten Wahl nach Antidepressiva und Antikonvulsiva. Quellen: Petzke, Enax-Krumova et al. 2016; Meng, Johnston et al. 2017; Mücke, Phillips et al. 2018; Andreae, Carter et al. 2015; Häuser, Fitzcharles et al. 2017; Mu, Weinberg et al. 2017
Andere Schmerzformen und Grenzen der Evidenz
Bei Tumorschmerzen, Rückenschmerzen, Arthrose, rheumatoider Arthritis und Fibromyalgie ist die Evidenz weniger eindeutig als bei Nervenschmerzen. Eine Kohortenstudie mit mehr als 1.000 Patient:innen berichtete nach zwölf Monaten einen Rückgang der Schmerzintensität um 20 % und des Verbrauchs von Morphinäquivalenten um 42 %. Bei schmerzhafter MS-Spastik ist die Wirksamkeit eines THC/CBD-Mundsprays belegt. Unterschiedliche Präparate, Dosen, Schmerzursachen und Endpunkte begrenzen jedoch die Vergleichbarkeit der Studien. Quellen: Häuser, Welsch et al. 2019; Mücke, Phillips et al. 2018; Johnson, Lossignol et al. 2013; Hoch, Schneider et al. 2017; Fitzcharles, Baerwald et al. 2016; Aviram, Pud et al. 2021; Zajicek, Fox et al. 2003; Karst und Passie 2018; De Vita, Moskal et al. 2018; Nutt, Phillips et al. 2021
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Das sagen Patientinnen und Patienten über Sanvivo
THC, CBD und weitere Cannabinoide
THC und CBD sind die pharmakologisch am besten untersuchten Inhaltsstoffe der Cannabispflanze. THC aktiviert CB1- und CB2-Rezeptoren als Partialagonist und ist psychotrop. CBD ist nicht berauschend, bindet deutlich schwächer an diese Rezeptoren und wirkt über weitere Zielstrukturen. Für Schmerzen wird CBD vor allem als Kombinationspartner und Modulator diskutiert, nicht als eigenständiges Analgetikum. Quellen: Pertwee 2008; Ujváry und Hanuš 2016; Leweke et al. 2012; Russo und Guy 2006
Nabiximols enthält THC und CBD in annähernd gleichen Anteilen und ist in Europa zur Behandlung der Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen. Vollspektrum-Extrakte enthalten zusätzlich Terpene und Flavonoide. Ein möglicher Entourage-Effekt wird wissenschaftlich diskutiert, ist aber nicht für jede Anwendung belegt. CBD neutralisiert mögliche THC-Nebenwirkungen nicht verlässlich; einzelne Studien beschreiben auch eine Verstärkung psychotroper THC-Effekte. Quellen: Petzke et al. 2016; Meng et al. 2017; Mücke et al. 2018; Häuser et al. 2017; Johnson et al. 2010; Russo 2011; McPartland und Russo 2001; Solowij et al. 2019; Arkell et al. 2019; Haney et al. 2016
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Cannabis und Opioide
Cannabis kann Opioide nicht pauschal ersetzen. Untersuchungen deuten auf einen möglichen Opioid-Sparing-Effekt hin, wenn Cannabinoide ergänzend eingesetzt werden. Die Daten erlauben jedoch keinen eindeutigen Schluss, dass Cannabis Opioide zuverlässig substituiert. In der BfArM-Begleiterhebung erhielten bei Cannabisblüten 23,3 % der Patient:innen parallel Opioide; bei Extrakten, Dronabinol und Nabiximols waren es 36 bis 39 %. Quellen: Nielsen et al. 2017; Aviram, Pud et al. 2021; Smith, Selley et al. 2007; BfArM-Abschlussbericht Begleiterhebung 2022
Typische Nebenwirkungen oraler Cannabisarzneimittel sind Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Übelkeit und Aufmerksamkeitsstörungen. Sie sind meist dosisabhängig und reversibel. Bei neuropathischen Schmerzen stützen Leitlinien Cannabinoide daher als ergänzende Add-on-Therapie, nicht als allgemeinen Opioid-Ersatz. Quellen: Hoch, Schneider et al. 2017; Gottschling, Ayonrinde et al. 2020; Schlag, Hindocha et al. 2021; Nutt, Phillips et al. 2021; Mu, Weinberg et al. 2017; Cruccu und Truini 2017; Häuser, Fitzcharles et al. 2017
Behandlungsansätze und Darreichungsformen
Eine cannabisbasierte Therapie ergänzt üblicherweise ein bestehendes Behandlungskonzept. Orale Zubereitungen wie Öle, Kapseln oder Mundspray wirken später, aber länger. Die Inhalation über einen Vaporisator kann innerhalb weniger Minuten wirken und wird beispielsweise bei Durchbruchschmerzen genutzt. Das Verbrennen in Joint oder Pfeife ist medizinisch nicht vertretbar, weil gesundheitsschädliche Verbrennungsprodukte entstehen. Quellen: MacCallum und Russo 2018

Eine Wirkung auf Schlaf, Stimmung und Lebensqualität kann deutlicher ausfallen als eine Veränderung der Schmerzstärke. Die Therapie wird langsam eingeschlichen. In der BfArM-Begleiterhebung wurde sie bei rund 60 % der Fälle im Verlauf angepasst, etwa bei Dosis, Sorte oder Anwendungsform. Cannabis ist weder Heilmittel noch Wirkungsgarantie. Quellen: Whiting, Wolff et al. 2015; Fitzcharles, Baerwald et al. 2016; De Vita, Moskal et al. 2018; Nutt, Phillips et al. 2021; MacCallum und Russo 2018; BfArM-Begleiterhebung 2022
Ärztliche Entscheidung und Verlaufskontrolle
Nach § 31 Abs. 6 SGB V kann eine Cannabisverordnung bei einer schwerwiegenden Erkrankung infrage kommen, wenn Standardtherapien nicht ausreichend helfen, nicht verfügbar oder nicht zumutbar sind. Vor einer Verordnung werden Diagnose, bisherige Behandlungen, aktuelle Medikamente und mögliche Risiken berücksichtigt. Im Verlauf werden Wirkung, Nebenwirkungen und Lebensqualität kontrolliert. Quellen: Bundessozialgericht 2015; BfArM-Begleiterhebung 2022; MacCallum und Russo 2018; Sihota, Smith et al. 2020
Bei Sanvivo erhältst du medizinisches Cannabis ausschließlich mit einem gültigen Rezept. Als Apotheke prüfen wir Rezept und Bestellung pharmazeutisch und beraten dich bei Fragen zur Anwendung und Versorgung.
Quellen
Häufige Fragen zu Cannabis bei chronischen Schmerzen
Wie schnell wirkt medizinisches Cannabis bei Schmerzen? +
Beim Inhalieren über einen Vaporisator kann die Wirkung innerhalb weniger Minuten beginnen und nach 15–30 Minuten ihr Maximum erreichen. Orale Zubereitungen wirken später, dafür länger. Die individuelle Einstellung kann zwei Wochen bis mehrere Monate dauern.
Welche Nebenwirkungen sind typisch? +
Die BfArM-Begleiterhebung dokumentierte unerwünschte Wirkungen in 45 % der Fälle. Häufig waren Müdigkeit mit rund 15 %, Schwindel mit rund 10 %, Mundtrockenheit, Schläfrigkeit, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen sowie Übelkeit. Langsames Eindosieren kann das Risiko verringern.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten? +
Gesetzlich Versicherte können unter den Voraussetzungen von § 31 Abs. 6 SGB V Anspruch auf Kostenübernahme haben. Voraussetzung sind eine schwerwiegende Erkrankung, keine verfügbare oder zumutbare Standardtherapie und eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung. Der Antrag wird vor Therapiebeginn gestellt.
Darf ich unter Cannabistherapie Auto fahren? +
Bei bestimmungsgemäßer ärztlicher Verordnung kann eine Teilnahme am Straßenverkehr grundsätzlich möglich sein. In der Einstellungsphase, nach Dosiserhöhungen oder bei Müdigkeit, Schwindel oder Konzentrationsstörungen solltest du nicht fahren. Eine Rezeptkopie oder ärztliche Bescheinigung kann sinnvoll sein.
Für wen ist Cannabis als Schmerztherapie nicht geeignet? +
Besondere Vorsicht gilt bei Personen unter 21 Jahren, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei schweren Persönlichkeitsstörungen oder psychotischen Erkrankungen sollten THC-haltige Cannabinoide nicht eingesetzt werden. Die Entscheidung trifft immer eine approbierte Ärztin oder ein approbierter Arzt individuell.
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Medizinischer Hinweis ›
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den Forschungsstand, nicht das individuelle Ansprechen einer einzelnen Patientin oder eines einzelnen Patienten. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung infrage. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärztin, deinen Arzt oder an uns in der Apotheke.
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