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Cannabis bei PTBS: Was die Studienlage zu Cannabinoiden und Trauma zeigt
Posttraumatische Belastungsstörungen verändern das Leben oft tiefgreifend: Flashbacks, Albträume, eine Daueranspannung, die selbst nach Jahren kaum nachlässt. Wenn etablierte Therapien an Grenzen stoßen, rückt Cannabis bei PTBS zunehmend in den Fokus — sowohl bei Betroffenen als auch in der Forschung. Dieser Ratgeber ordnet die Studienlage zu THC und CBD ein, erklärt die Rolle des Endocannabinoid-Systems und zeigt, wo Cannabinoide bei PTBS-Symptomen medizinisch geprüft werden — als Teil unserer Indikationen-Übersicht; siehe auch Cannabis bei Depression und Angstzuständen. Ob medizinisches Cannabis im Einzelfall passt, prüft immer eine approbierte Ärzt:in.
Co-Founder & Chief Pharmaceutical Officer · Apotheker
PTBS verstehen: Symptome, Ursachen und Behandlungswege
Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung?
Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entsteht, nachdem eine Person ein extremes Ereignis erlebt oder beobachtet hat: Todesgefahr, schwere Verletzung, sexualisierte Gewalt. Nach den DSM-V-Kriterien gehören vier Symptomgruppen zum Krankheitsbild: aufdrängende Erinnerungen (Intrusionen), Vermeidung von Reizen, die an das Trauma erinnern, anhaltende negative Veränderungen von Stimmung und Denken sowie Übererregung und gesteigerte Reagibilität. Quellen: APA, DSM-V (zitiert in NASEM 2017)
Typische Symptome: Flashbacks, Albträume, Übererregung
Im Alltag heißt das: Betroffene erleben Flashbacks und belastende Träume, schlafen schlecht, sind reizbar, schreckhaft oder emotional taub. PTBS ist keine seltene Diagnose. Die Vollbild-Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung liegt bei rund 7 %, in spezialisierten Schmerzeinrichtungen deutlich höher. Quellen: Åkerblom, Perrin et al. 2017
Standardtherapien und ihre Grenzen
Die etablierte Behandlung folgt leitliniengerechten Empfehlungen aus Psychotherapie und Pharmakotherapie. Erst wenn diese Wege ausgeschöpft, unverträglich oder im Einzelfall nicht zumutbar sind, kommt ein cannabisbasiertes Arzneimittel überhaupt in Betracht. Das regelt in Deutschland § 31 Abs. 6 SGB V: Eine Verordnung zulasten der gesetzlichen Krankenkasse setzt eine schwerwiegende Erkrankung und das Versagen oder die Nicht-Anwendbarkeit des allgemein anerkannten medizinischen Standards voraus. Genau hier setzen die Studien zu Cannabis bei PTBS an: Sie betrachten Patient:innen, deren Symptome unter den üblichen Therapien nicht ausreichend kontrolliert sind.
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Endocannabinoid-System und Trauma-Verarbeitung
Warum schaut die Forschung bei PTBS überhaupt auf Cannabinoide? Die Antwort liegt in einem körpereigenen Regelsystem: dem Endocannabinoid-System (ECS). Es wirkt im Gehirn wie ein Puffer für die zentrale Stressantwort und reguliert mit, wie wir Angst erleben, abspeichern und wieder loslassen. Quellen: Morena, Patel et al. 2016; Hill und Lee 2016
CB1- und CB2-Rezeptoren im Gehirn
Das ECS arbeitet vor allem über zwei Bindungsstellen: den CB1- und den CB2-Rezeptor. CB1 ist der dominante Rezeptor im Nervensystem und gehört zu den am häufigsten exprimierten Rezeptoren im Gehirn. Hohe Dichten finden sich im Hippocampus, im limbischen System und in den Basalganglien, moderate Dichten in der Amygdala und im präfrontalen Cortex – also genau in den Regionen, die Furcht, Gedächtnis und emotionale Steuerung verarbeiten. CB2 ist im Gehirn nur schwach vertreten und sitzt vor allem auf Gliazellen, wo er Immun- und Entzündungsprozesse moduliert. Quellen: Kano, Ohno-Shosaku et al. 2009; Cristino, Bisogno et al. 2020
CB1 wirkt dabei wie eine neurochemische Bremse: Wird ein Neuron stark erregt, schüttet die nachgeschaltete Zelle Endocannabinoide aus, die rückwärts an die Senderseite andocken und die Ausschüttung weiterer Botenstoffe wie Glutamat oder GABA dämpfen. So begrenzt das ECS überschießende Erregung – ein Mechanismus, der für Lernen, Gedächtnisbildung und Stressregulation zentral ist. Quellen: Katona und Freund 2008; Moreira und Lutz 2008
Anandamid, Furchtgedächtnis und Extinktionslernen
Die wichtigsten körpereigenen Liganden sind Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG). Bei akutem Stress sinkt AEA, während 2-AG ansteigt. Der AEA-Rückgang aktiviert die Stressachse (HPA-Achse), verstärkt Angstgefühle und beeinträchtigt die Angstauslöschung. Der 2-AG-Anstieg puffert diese Stressantwort und hilft, dass das System wieder herunterfährt. Quellen: Morena, Patel et al. 2016
Für Trauma-Verarbeitung wird das System an einer entscheidenden Stelle relevant: Das ECS gilt als Schlüsselsystem für die sogenannte Furchtextinktion – die Fähigkeit, eine einmal gelernte Furchtreaktion durch neue, sichere Erfahrungen wieder abzulegen. Tierexperimente zeigen, dass eine reduzierte CB1-Funktion das Löschen konditionierter Furchtreaktionen erschwert, während eine Aktivierung von CB1 die Auslöschung erleichtert. Quellen: Marsicano, Wotjak et al. 2002; Lutz 2007; Chhatwal et al. 2009; Bennett, Arnold et al. 2017
Warum das ECS bei PTBS-Patient:innen verändert ist
Genau dieses Gleichgewicht scheint bei PTBS gestört. In einer Untersuchung mit Positronen-Emissions-Tomographie (PET) zeigten Patient:innen mit PTBS im Vergleich zu gesunden Kontrollen und zu Personen mit Trauma ohne PTBS eine global erhöhte Bindung an CB1-Rezeptoren im Gehirn, bei gleichzeitig erniedrigten Anandamid-Spiegeln im Blut. Bei Frauen, die häufiger an PTBS erkranken, war diese Veränderung stärker ausgeprägt als bei Männern. Die Autor:innen werten den Befund als Hinweis auf eine Beteiligung des ECS an der Entstehung der PTBS. Quellen: Neumeister, Normandin et al. 2013
Hinzu kommt ein Zeitfaktor: Frühkindliche Traumata gehen eher mit einer Herunterregulation des ECS einher (weniger Rezeptoren, weniger Liganden), während Traumata im Erwachsenenalter mit einer erhöhten Rezeptorexpression bei gleichzeitig reduzierten Liganden verbunden sind. Auch Glucocorticoide, die zentralen Stresshormone, können CB1-Rezeptoren unterdrücken und gelten als Prädiktor für maladaptive Stressreaktionen nach frühen Traumata. Quellen: Bassir Nia, Bender et al. 2019; Atsak, Morena et al. 2018; Goldstein Ferber, Trezza et al. 2021
Diese Befunde belegen noch keine Wirksamkeit, sie liefern aber die biologische Begründung, warum Cannabinoide bei traumabedingten Beschwerden wissenschaftlich untersucht werden. Wie belastbar die klinischen Daten sind, zeigen die folgenden Abschnitte.
Studienlage zu Cannabis bei PTBS: Was die Forschung zeigt – und was nicht
Bei kaum einer anderen psychiatrischen Erkrankung wird so kontrovers diskutiert, ob cannabisbasierte Arzneimittel helfen können, wie bei der posttraumatischen Belastungsstörung. Die Datenlage ist uneinheitlich und teils widersprüchlich. Quellen: Abizaid, Merali et al. 2019
Beobachtungs- und Kohortenstudien
Beobachtungsdaten ergeben ein gemischtes Bild. In einer prospektiven Studie an 2.276 US-Veteranen in stationärer Behandlung verschlechterten sich die PTBS-Symptome unter Cannabiseinnahme. Eine Längsschnittstudie mit 361 Veteranen deutete darauf hin, dass Cannabiskonsum trauma-assoziierte Intrusionen verstärken kann. Eine repräsentative kanadische Querschnittserhebung („Community Health Survey – Mental Health") zeigte hingegen ein signifikant geringeres Risiko schwerer depressiver Episoden und Suizidgedanken bei PTBS-Betroffenen, die Cannabis einnahmen. App-basierte Daten von 404 selbst diagnostizierten PTBS-Patient:innen ergaben unmittelbar nach der Einnahme eine über 50-prozentige Verbesserung von Intrusionen, Flashbacks, Reizbarkeit und Angst. Quellen: Wilkinson, Stefanovics et al. 2015; Metrik, Stevens et al. 2020; Lake, Kerr et al. 2020; LaFrance, Glodosky et al. 2020
Randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs)
Hochwertige RCTs sind rar. Die am häufigsten zitierte Untersuchung ist eine kleine placebokontrollierte Cross-over-Studie mit zehn kanadischen männlichen Militärangehörigen: Unter 0,5 mg Nabilon (titriert bis maximal 3,0 mg/Tag) verbesserten sich Albträume und der klinische Gesamteindruck signifikant gegenüber Placebo. Bei sieben von zehn Teilnehmern wurde der klinische Zustand als „sehr deutlich" oder „deutlich verbessert" eingestuft, gegenüber zwei von zehn unter Placebo. Auf Schlafqualität und Schlafdauer zeigte sich kein Effekt. Die NASEM-Übersicht 2017 stuft die Evidenz auf dieser Basis als „limited" ein – ein einzelner kleiner Hinweis, kein Wirksamkeitsbeleg. Quellen: Jetly, Heber et al. 2015; NASEM 2017
Symptome im Fokus: Schlaf, Albträume, Hyperarousal
Im Mittelpunkt der bisherigen Forschung stehen vor allem nächtliche Symptome:
- In einer retrospektiven Auswertung von 47 Patientenakten besserten sich unter Nabilon (mittlere Dosis 0,5 mg) bei 72 Prozent die Albträume, teils auch Schlafqualität, Flashbacks und nächtliches Schwitzen.
- Eine Studie mit 104 schwer psychisch kranken Strafgefangenen fand unter Nabilon (Ø 4 mg/Tag) Verbesserungen von Schlaflosigkeit, Albträumen, Funktionsniveau und chronischen Schmerzen.
- In einer offenen Studie mit zehn PTBS-Patient:innen führte zweimal täglich 5 mg THC zu einer deutlichen Besserung von Schlafqualität, Albträumen und Hyperarousal.
- Eine Fallserie mit elf Erwachsenen zeigte unter CBD (Ø 49 mg/Tag, 8 Wochen) bei zehn Personen Symptomverbesserungen. Quellen: Fraser 2009; Cameron, Watson et al. 2014; Roitman, Mechoulam et al. 2014; Elms, Shannon et al. 2019
Limitationen und offene Fragen
Die meisten Studien sind klein, unkontrolliert oder retrospektiv, mit überwiegend männlichen Veteranen-Kohorten. Eine PET-Bildgebung bei 25 PTBS-Betroffenen fand erhöhte CB1-Rezeptorbindung im Gehirn und verminderte Anandamidspiegel im Blut – ein Hinweis auf eine ECS-Beteiligung, aber kein Wirksamkeitsbeleg. Mehrere RCTs zu THC, CBD und Kombinationen laufen noch. Bis valide Ergebnisse vorliegen, gilt: Cannabis bei PTBS ist keine etablierte Standardtherapie, und ob eine Behandlung medizinisch sinnvoll ist, kann nur individuell durch eine Ärzt:in geprüft werden. Quellen: Neumeister, Normandin et al. 2013; NASEM 2017
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Das sagen Patientinnen und Patienten über Sanvivo
Untersuchte Cannabinoide: THC, CBD und synthetische Analoga
In Studien zu PTBS und verwandten Symptomen werden drei Wirkstoffgruppen untersucht: das psychoaktive THC, das nicht-psychoaktive CBD und synthetische Cannabinoide wie Nabilon. Sie greifen unterschiedlich in das Endocannabinoid-System ein und werden für unterschiedliche Symptomgruppen geprüft.
THC und Schlafarchitektur bei Trauma
THC bindet am CB1-Rezeptor und beeinflusst dort Stress-, Schlaf- und Angstverarbeitung. In einer offenen, unkontrollierten Studie an 10 PTBS-Patient:innen führte zweimal täglich 5 mg THC zu einer deutlichen Besserung von Schlafqualität, Albträumen und Hyperarousal. Wichtig: THC zeigt einen biphasischen Effekt – niedrige Dosen können Ängste mindern, höhere Dosen Ängste verstärken. Quellen: Roitman, Mechoulam et al. 2014
CBD und angstmodulierende Effekte
CBD wirkt nicht psychotrop und vermittelt seine Effekte unter anderem über TRPV1- und 5-HT1A-Rezeptoren. Präklinische Daten deuten auf angstlösende Effekte bei mehreren Angsterkrankungen hin, einschließlich PTBS. In einer Fallserie mit 11 erwachsenen PTBS-Patient:innen besserten sich die Symptome bei 10 von 11 unter einer mittleren Tagesdosis von 49 mg CBD über 8 Wochen. Ein Einzelfallbericht beschreibt zudem eine Verbesserung von Ängsten und Schlaf bei einem 10-jährigen Mädchen mit PTBS unter 37 mg CBD pro Tag. Quellen: Blessing, Steenkamp et al. 2015; Elms, Shannon et al. 2019; Shannon 2016
Synthetische Cannabinoide wie Nabilon
Nabilon ist ein vollsynthetisches THC-Derivat, das in Deutschland als Fertigarzneimittel verfügbar ist und etwa 7- bis 8-mal stärker wirkt als Dronabinol. In einer placebokontrollierten Cross-over-Studie an kanadischen Militärangehörigen mit PTBS verbesserten 0,5 mg Nabilon Albträume und den klinischen Gesamteindruck signifikant. Eine retrospektive Auswertung von 47 PTBS-Akten zeigte bei 72 % der Patient:innen eine Reduktion von Albträumen. Quellen: Jetly, Heber et al. 2015; Fraser 2009; Cameron, Watson et al. 2014
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Risiken, Nebenwirkungen und Kontraindikationen bei PTBS
Cannabisbasierte Arzneimittel sind keine harmlose Option. Gerade bei PTBS, wo Trauma, Angst und oft weitere psychische Erkrankungen zusammenkommen, gehört eine ehrliche Risiko-Nutzen-Abwägung zur ärztlichen Pflicht.
Mögliche unerwünschte Wirkungen
In der Begleiterhebung des BfArM mit über 16.000 Datensätzen waren die häufigsten Nebenwirkungen Müdigkeit (rund 15 %), Schwindel (rund 10 %), Übelkeit, Mundtrockenheit, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen sowie Appetitsteigerung. Selten, aber relevant sind psychotische Reaktionen wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder Suizidgedanken – sie traten in unter 1 % der Fälle auf, dürfen laut BfArM aber „auch bei niedrigen Dosierungen nicht unterschätzt werden". Die Inhalation führt durch die schnelle Anflutung zu höheren Spitzenkonzentrationen als die orale Einnahme und kann Angst, Unruhe oder Übelkeit verstärken. Viele dieser Effekte betreffen die Vigilanz, was Sturzrisiko und Fahrtüchtigkeit beeinflussen kann. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022; Cremer-Schaeffer 2019; Ware, Wang et al. 2015
Komorbiditäten: Sucht, Psychose, Depression
Bei PTBS-Patient:innen sind Begleiterkrankungen häufig – und genau hier ist Vorsicht geboten. Regelmäßiger Cannabiskonsum erhöht das Risiko für psychotische Störungen um das 1,4- bis 3,4-fache, besonders bei genetischer Vulnerabilität für Schizophrenie. Auch bei bipolaren Störungen, Panikstörungen und Angsterkrankungen kann sich die Symptomatik unter höheren THC-Dosen verschlechtern. Studien an US-Veteranen mit PTBS zeigten teils widersprüchliche Befunde: Während einige Erhebungen eine Verschlechterung der PTBS-Symptome und sogar eine Zunahme suizidaler Gedanken beschrieben, fand eine kanadische Querschnittserhebung bei PTBS-Betroffenen unter Cannabis ein geringeres Risiko depressiver Episoden. Bei vorbestehender Suchterkrankung kann sich Cravingverhalten auf Cannabis ausweiten. Quellen: Hoch, Friemel et al. 2019; Wilkinson, Stefanovics et al. 2015; Allan, Ashrafioun et al. 2019; Lake, Kerr et al. 2020
Wann Cannabis nicht in Frage kommt
Für THC-dominierte Cannabisarzneimittel gelten drei zentrale Kontraindikationen:
- Schwangerschaft und Stillzeit
- schwere psychische Erkrankungen (insbesondere Schizophrenie und psychotische Störungen)
- Alter unter 18 Jahren bei nicht abgeschlossener Hirnreifung
Vorsicht ist außerdem geboten bei koronarer Herzkrankheit, instabilem Blutdruck, schweren Leberfunktionsstörungen und bei familiärer Vorbelastung mit Schizophrenie. Auch Wechselwirkungen sind relevant: THC und CBD können sedierende Effekte anderer Neuropharmaka, etwa Antidepressiva oder Benzodiazepine, verstärken. CBD hemmt CYP3A4 und CYP2C19 und kann dadurch Plasmaspiegel von Begleitmedikamenten wie Clobazam, Warfarin oder Tacrolimus deutlich erhöhen. Ob eine cannabisbasierte Therapie für dich geeignet ist, entscheidet deine behandelnde Ärzt:in individuell. Quellen: Herdegen in Ziegler 2022; Franco und Perucca 2019; Leino, Emoto et al. 2019
Rolle der Ärzt:in bei der Therapie-Entscheidung
Ob eine cannabisbasierte Therapie für dich infrage kommt, entscheidet deine behandelnde Ärzt:in nach individueller Prüfung.
Wann eine cannabisbasierte Therapie geprüft wird
In Deutschland dürfen Ärzt:innen aller Fachrichtungen Cannabisarzneimittel verordnen, eine Facharztbeschränkung gibt es nicht. Geprüft wird, ob eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt und ob etablierte Therapien ausgeschöpft, unverträglich oder im Einzelfall nicht anwendbar sind. Die Therapieverantwortung liegt vollständig bei der behandelnden Ärzt:in; ihre begründete Einschätzung ist entscheidend. Bei PTBS ist die Datenlage uneinheitlich, daher wägt die Ärzt:in besonders sorgfältig ab. Quellen: Hoch, Schneider et al. 2017
Auswahl von Sorte, Form und Wirkstoffprofil
Cannabisarzneimittel sind keine austauschbare Massenware. Cannabisblüten, Extrakte, Dronabinol oder Nabilon unterscheiden sich in THC- und CBD-Gehalt, Darreichung und Wirkprofil. Internationale Empfehlungen, etwa der Israelischen Cannabis Agentur, nennen für PTBS überwiegend CBD-betonte Zubereitungen, gegebenenfalls ergänzt durch THC-reichere Optionen zur akuten Symptomlinderung. Welche Form und welches Wirkstoffverhältnis im Einzelfall passen, legt die Ärzt:in patientenindividuell fest – immer in Absprache mit dir. Quellen: Israeli Medical Cannabis Agency 2017; MacCallum und Russo 2018
Begleitung und Verlaufskontrolle
Eine Cannabistherapie startet nach dem Prinzip „start low, go slow": niedrige Anfangsdosis, langsame Anpassung. Auswertungen der BfArM-Begleiterhebung zeigen, dass im Verlauf häufig Dosis oder Sorte angepasst werden – bei Blüten wurde die Sorte in rund 38 % der Fälle gewechselt. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022
Versorgung bei Sanvivo
Bei Sanvivo erhältst du medizinisches Cannabis ausschließlich mit einem gültigen Rezept. Als Apotheke prüfen wir Rezept und Bestellung pharmazeutisch und beraten dich bei Fragen zur Anwendung und Versorgung. Die Entscheidung über eine Verordnung trifft immer deine behandelnde Ärzt:in — wir begleiten dich bei der sicheren Abgabe.
Quellen
Häufige Fragen zu Cannabis und PTBS
Hilft Cannabis gegen Albträume bei PTBS? +
Mehrere kleinere Studien deuten darauf hin, dass Cannabinoide Albträume bei PTBS reduzieren können. In einer retrospektiven Auswertung von 47 Patient:innen besserten sich unter Nabilon bei 72 % die Albträume, teils auch Schlafdauer und Flashbacks. Eine placebokontrollierte Cross-over-Studie an Militärangehörigen zeigte ebenfalls eine signifikante Verbesserung. Die Datenlage bleibt insgesamt klein und uneinheitlich, eine generelle Empfehlung lässt sich daraus nicht ableiten. Quellen: Fraser 2009; Jetly, Heber et al. 2015; Roitman, Mechoulam et al. 2014
Wird Cannabis bei PTBS von der Krankenkasse übernommen? +
Eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse ist möglich, aber nicht garantiert. Nach § 31 Abs. 6 SGB V müssen drei Bedingungen erfüllt sein: eine schwerwiegende Erkrankung, keine verfügbare Standardtherapie und eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare Symptomverbesserung. Der Antrag muss vor der ersten Verordnung gestellt werden. Die Genehmigungsquote lag zuletzt unter 70 %. Bei privater Versicherung gelten andere Regeln.
Kann ich Cannabis zusätzlich zu meinen Medikamenten nehmen? +
Theoretisch lassen sich cannabisbasierte Arzneimittel mit anderen Medikamenten kombinieren, allerdings sind Wechselwirkungen möglich. Klinisch relevant sind vor allem verstärkte Sedierung mit Beruhigungsmitteln, ein verstärkter Blutdruckabfall mit Antihypertonika sowie pharmakokinetische Effekte: CBD hemmt mehrere CYP-Enzyme und kann Plasmaspiegel von Antiepileptika oder Blutverdünnern erhöhen. Eine Kombination sollte immer in Absprache mit der behandelnden Ärzt:in erfolgen. Quellen: MacCallum und Russo 2018; Franco und Perucca 2019
Macht medizinisches Cannabis abhängig? +
Das Suchtpotenzial von medizinischem Cannabis gilt als gering, deutlich niedriger als bei schwachen Opioiden wie Tramadol oder Tilidin. Während bei regelmäßigem Freizeitkonsum etwa 27 % eine Cannabiskonsumstörung entwickeln, wurde in der wissenschaftlichen Begleiterhebung bei oraler ärztlich verordneter Anwendung kaum Suchtverhalten dokumentiert. Eine kickartige Dopaminfreisetzung tritt vor allem bei Inhalation auf. Mögliche Absetzsymptome lassen sich durch langsames Ausschleichen vermeiden. Quellen: Feingold, Livne et al. 2020; Schlag, Hindocha et al. 2021; Gottschling, Ayonrinde et al. 2020
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Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den Forschungsstand, nicht das individuelle Ansprechen einer einzelnen Patientin oder eines einzelnen Patienten. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung infrage. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärztin, deinen Arzt oder an uns in der Apotheke.
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