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Cannabis bei Übelkeit: Was die Studienlage zeigt
Cannabis bei Übelkeit ist ein gut untersuchtes Thema, das Patient:innen viele Fragen aufwirft: Welche Wirkstoffe sind erforscht, was sagen klinische Studien zu Chemotherapie-induzierter Übelkeit, und welche Präparate sind in Deutschland überhaupt verfügbar? Dieser Leitfaden ordnet die Evidenz, die zugelassenen Optionen und den Weg zum Rezept ein — als Teil unserer Symptom-Übersicht; siehe auch Appetitlosigkeit als verwandtes Thema sowie Cannabis in der Palliativversorgung. Die Suchanfrage „cannabis gegen übelkeit" taucht häufig im Zusammenhang mit Krebstherapien auf, das spiegelt sich auch in der Studienlage wider — die Wirkstoffe THC und CBD stehen dabei im Mittelpunkt.
Co-Founder & Chief Pharmaceutical Officer · Apotheker
Übelkeit verstehen: Ursachen und medizinische Einordnung
Übelkeit ist mehr als ein flaues Magengefühl. Sie beschreibt das subjektive Empfinden, sich übergeben zu müssen. Erbrechen ist die reflektorische, rückwärts gerichtete Entleerung des Magens. Beide Symptome zählen zu den am stärksten belastenden Beschwerden bei vielen chronischen Erkrankungen.
Wie Übelkeit im Gehirn entsteht
Der zentrale Schaltpunkt für Übelkeit und Erbrechen liegt im Hirnstamm, im sogenannten Brechzentrum (Area postrema). Dort treffen Signale aus dem Magen-Darm-Trakt, dem Gleichgewichtssinn und dem Blut zusammen. Botenstoffe wie Serotonin docken an Rezeptoren an und lösen die Brechreaktion aus. Genau hier setzen viele klassische Antiemetika an, und genau hier wirken auch Cannabinoide über CB1-Rezeptoren.
Häufige Auslöser: Chemotherapie, Migräne, Schwangerschaft
Trotz moderner Antiemetika erleben rund 20–30 % der Patient:innen während einer Chemotherapie Erbrechen. Migräne geht häufig mit Übelkeit einher; Frauen sind etwa fünfmal häufiger betroffen als Männer. In der Schwangerschaft tritt Übelkeit als natürliche Begleiterscheinung auf, kann in schweren Verläufen (Hyperemesis gravidarum) aber medizinisch bedrohlich werden. Quellen: Juhasz, Csepany et al. 2017; Leitlinienprogramm Onkologie 2020
Wann klassische Antiemetika an Grenzen stoßen
Die Kombination aus 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten (Setrone wie Ondansetron) und Dexamethason senkt akutes Erbrechen nach Chemotherapie um etwa 70 %. Bei der akuten Übelkeit selbst berichten jedoch nur rund 18 % der Patient:innen eine spürbare Linderung. Verzögerte und antizipatorische Übelkeit lassen sich kaum kontrollieren, bis zu 20 % der Betroffenen brechen ihre Therapie deshalb ab. Genau in dieser Versorgungslücke wird der Einsatz von Cannabinoiden wissenschaftlich diskutiert. Quellen: Hickok et al. 2003; Jordan et al. 2005
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Endocannabinoid-System und seine Rolle bei Übelkeit
Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein körpereigenes Regulationssystem, das an vielen Prozessen beteiligt ist: Schmerzverarbeitung, Appetit, Stress und auch Übelkeit. Es besteht aus zwei Hauptrezeptoren (CB1 und CB2), körpereigenen Botenstoffen wie Anandamid (AEA) und 2-Arachidonylglycerol (2-AG) sowie Enzymen, die diese Botenstoffe auf- und abbauen. Cannabis-Wirkstoffe wie THC docken an dieselben Rezeptoren an wie diese körpereigenen Botenstoffe und greifen so in die Steuerung von Übelkeit und Erbrechen ein. Quellen: Di Marzo und Piscitelli 2015; Pertwee 2010
CB1- und CB2-Rezeptoren im Brechzentrum
Die Linderung von Übelkeit und Erbrechen wird vor allem über CB1-Rezeptoren im Brechzentrum vermittelt, einer Region im Hirnstamm, die als Area postrema bezeichnet wird. Schon vor der Entdeckung der CB1-Rezeptoren in den 1980er-Jahren war bekannt, dass THC antiemetisch wirkt, also gegen Übelkeit und Erbrechen. Heute weiß man: In genau jenen Hirnstamm-Bereichen, die den Brechreflex auslösen, sind CB1-Rezeptoren besonders dicht vertreten. CB2-Rezeptoren sitzen vor allem auf Immunzellen und können in Tiermodellen ebenfalls antiemetisch wirken. Quellen: Herkenham et al. 1990; Van Sickle et al. 2001; Van Sickle et al. 2005
Wie Cannabinoide die Übelkeit modulieren
Cannabinoide wirken nicht nur über CB1 und CB2. THC bindet zusätzlich an weitere Strukturen wie TRPA1, TRPV2, Calcium- und Kaliumkanäle sowie an Opioidrezeptoren. Besonders interessant ist die hemmende Wirkung am 5-HT3A-Rezeptor, also genau am Rezeptor, an dem auch klassische Antiemetika wie Ondansetron ansetzen. Dieser Mechanismus erklärt einen Teil der antiemetischen Wirkung. Quellen: Pertwee 2010
Auch die körpereigenen Endocannabinoide sind in die Übelkeitsregulation eingebunden. Tier- und Humandaten zeigen: Anandamid hemmt durch Toxine ausgelöstes Erbrechen, der Effekt lässt sich durch CB1-Blocker wieder aufheben. Beim Menschen fanden Forscher:innen niedrigere Endocannabinoid-Spiegel bei Probanden, die unter Reisekrankheit (Motion Sickness) während Parabelflügen litten, ein Hinweis darauf, dass das ECS auch beim Menschen aktiv an der Übelkeitsregulation beteiligt ist. Quellen: Sharkey et al. 2007; Van Sickle et al. 2005; Choukèr et al. 2010
Eine wichtige Einordnung: Diese Mechanismen sind biologisch plausibel und durch Labor- und Tierdaten gut gestützt. Sie erklären, warum Cannabinoide gegen Übelkeit wirken können. Ob und wie stark der Effekt im klinischen Alltag eintritt, ist eine andere Frage, die der nächste Abschnitt zur Studienlage beantwortet.
Cannabis gegen Übelkeit bei Chemotherapie (CINV): Studienlage
Übelkeit und Erbrechen unter Chemotherapie (CINV) gehören zu den am besten untersuchten Einsatzgebieten medizinischer Cannabinoide. Etwa 20–30 % der Patient:innen erleben trotz moderner Antiemetika Erbrechen während der Therapie. Genau hier setzt die klinische Forschung zu Cannabinoiden an.
Was klinische Studien zu CINV zeigen
Die größte Übersicht stammt von Whiting und Kolleg:innen: 28 Studien mit 1.772 Teilnehmenden, untersucht wurden vor allem Nabilon, Dronabinol und THC. Mehr Patient:innen erreichten unter Cannabinoiden ein vollständiges Ansprechen als unter Placebo. Ein Cochrane-Review fasste 23 weitere Studien zusammen und beschreibt Cannabinoide als wirksamer als Placebo und ähnlich wirksam wie ältere Antiemetika. Die NASEM-Expertengruppe stuft die Evidenz für orale Cannabinoide bei CINV insgesamt als belastbar ein. Quellen: Whiting et al. 2015; Smith et al. 2015; NASEM 2017; Leitlinienprogramm Onkologie 2020
Vergleich mit Standard-Antiemetika
Die meisten Studien verglichen Cannabinoide mit Placebo oder mit Dopamin-Antagonisten wie Prochlorperazin, nicht mit heutigen Erstlinien-Therapien. Eine kleine Studie von Meiri und Kolleg:innen (n=64) zeigte, dass Dronabinol bei verzögerter CINV ähnlich wirksam war wie Ondansetron, ein 5-HT3-Antagonist. Direkte Vergleiche mit der aktuellen Kombination aus 5-HT3-Antagonisten, Dexamethason und Neurokinin-1-Antagonisten fehlen bislang. Quellen: Tramèr et al. 2001; Meiri et al. 2007
Grenzen der aktuellen Evidenz
Viele Daten stammen aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Die methodische Qualität wird in einem Review von Allan und Kolleg:innen nach GRADE als „gering bis sehr gering" eingestuft. Leitlinien empfehlen Cannabinoide deshalb meist als Add-on, wenn Steroide, 5-HT3- oder NK1-Antagonisten nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Quellen: Allan et al. 2018; Smith et al. 2015; Leitlinienprogramm Onkologie 2020
Bewertungen
Das sagen Patientinnen und Patienten über Sanvivo
Untersuchte Cannabinoide: THC, CBD und weitere Wirkstoffe
Cannabis enthält über 150 Cannabinoide. Bei Übelkeit am besten untersucht sind THC und CBD. Die Bedeutung der meisten anderen Phytocannabinoide für den Menschen ist bislang weitgehend unklar.
THC als antiemetischer Wirkstoff
THC wirkt vor allem über CB1-Rezeptoren im Brechzentrum (Area postrema). Zusätzlich greift es an Nicht-CB-Rezeptoren wie 5-HT3A an, ähnlich wie die etablierten Setrone (z. B. Ondansetron). Genau dieser zusätzliche Angriffspunkt dürfte zur antiemetischen Wirkung beitragen. In einer Übersichtsarbeit zeigten sich THC bzw. Dronabinol bei chemotherapieinduzierter Übelkeit Antipsychotika und Placebo überlegen. Quellen: Pertwee 2010; Tramèr, Carroll et al. 2001
CBD und CBDA in der Forschung
CBD ist nicht psychotrop und wirkt im Übelkeitskontext bislang vor allem präklinisch: Tierstudien zeigen eine Reduktion akuter und antizipatorischer Übelkeit, vermittelt über 5-HT1A-Rezeptoren. Die saure Vorstufe CBDA war in präklinischen Modellen bereits in deutlich niedrigerer Dosis wirksam als CBD. Klinische Studien speziell zu CBD bei Übelkeit am Menschen fehlen weitgehend. Quellen: Bolognini et al. 2013; Rock et al. 2011, 2012; Parker et al. 2002
Vollspektrum vs. isolierte Cannabinoide
Vollspektrumextrakte enthalten zusätzlich Terpene und Spurencannabinoide. Diskutiert wird ein „Entourage-Effekt": Begleitstoffe könnten die Cannabinoid-Wirkung modulieren oder Nebenwirkungen abschwächen. Die Datenlage ist gemischt, eine eindeutige klinische Überlegenheit gegenüber Reinstoffen wie Dronabinol oder Nabilon ist nicht belegt. Quellen: Mechoulam, Fride et al. 1998; Russo 2011
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Zugelassene Cannabis-Präparate bei Übelkeit in Deutschland
In Deutschland gibt es bei Übelkeit und Erbrechen unterschiedliche Präparat-Kategorien: von patientenindividuellen Rezepturen aus der Apotheke bis hin zu einem zugelassenen Fertigarzneimittel mit dem synthetischen THC-Derivat Nabilon. Welche Variante infrage kommt, entscheidet die behandelnde Ärzt:in nach individueller Prüfung.
Dronabinol als Rezepturarzneimittel
Dronabinol ist die pharmazeutische Bezeichnung für (-)-trans-Δ9-THC. Apotheken stellen es seit Jahren patientenindividuell als Rezepturarzneimittel her, etwa als Kapseln oder ölige Tropfen nach standardisierten NRF-Vorschriften. Dronabinol ist verschreibungspflichtig und unterliegt dem Betäubungsmittelrecht (BtMG/BtMVV).
Cannabisblüten und -extrakte auf Rezept
Mit dem Cannabisgesetz von 2017 sind auch Cannabisblüten und Cannabisextrakte für Patient:innen verordnungsfähig, ebenfalls als Rezepturarzneimittel auf BtM-Rezept. Das BtMVV legt Höchstmengen pro 30 Tage fest: 100 g Cannabisblüten, 1.000 mg THC bei Extrakten und 500 mg Dronabinol. Quellen: Häußermann, Grotenhermen et al. 2018
Abgrenzung zu Off-Label-Anwendungen
Nur Nabilon, ein synthetisches THC-Derivat, ist in Deutschland zur Behandlung erwachsener Krebspatient:innen mit Chemotherapie-induzierter Übelkeit zugelassen, wenn andere Antiemetika nicht ausreichend wirken. Alle anderen Cannabis-Anwendungen bei Übelkeit, etwa Dronabinol, Blüten oder Extrakte, gelten als Off-Label. Sie sind als individueller Therapieversuch zu dokumentieren; eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse erfordert einen Antrag nach § 31 Abs. 6 SGB V. Quellen: Mücke, Weier et al. 2018; Rausch 2017
Ärztliche Therapie-Entscheidung: Wann Cannabis infrage kommt
Cannabis als Medizin ist verschreibungspflichtig. Ob es bei deiner Übelkeit infrage kommt, entscheidet immer eine approbierte Ärzt:in, nicht du selbst, nicht eine Plattform.
Individuelle Prüfung der Eignung
Eine Cannabistherapie setzt in der Regel eine schwerwiegende Erkrankung voraus, bei der Standardtherapien nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Geprüft werden Diagnose, bisherige Behandlungen, Begleiterkrankungen und Kontraindikationen wie schwere psychische Erkrankungen, Schwangerschaft oder relevante Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gehören zur Abwägung. Quellen: Hoch, Schneider et al. 2017
Zusammenspiel mit Standardtherapien
Bei chemotherapie-induzierter Übelkeit gelten 5-HT3- und Neurokinin-1-Rezeptor-Antagonisten sowie Steroide als Goldstandard. Cannabinoide kommen laut S3-Leitlinie „Supportive Therapie in der Onkologie" als Option in Betracht, wenn diese Substanzen nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden, meist als Add-on, nicht als Ersatz. Quellen: Leitlinienprogramm Onkologie 2020; Allan, Finley et al. 2018
Quellen
Häufige Fragen zu Cannabis und Übelkeit
Welche Nebenwirkungen sind am häufigsten? +
Typisch sind Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen sowie, paradox, auch Übelkeit selbst. In der deutschen Begleiterhebung trat Übelkeit bei rund 4,9 % der Datensätze auf. Schwere Nebenwirkungen sind selten und treten meist dosisabhängig auf; einschleichendes Aufdosieren reduziert das Risiko deutlich. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022; Cremer-Schaeffer 2019; Ware et al. 2015
Macht CBD weniger Nebenwirkungen als THC? +
Daten der Begleiterhebung zeigen keine signifikanten Unterschiede zwischen CBD-haltigen und nicht-CBD-haltigen Cannabisarzneimitteln bei der Nebenwirkungshäufigkeit. CBD selbst gilt als gut verträglich; psychotrope Effekte fehlen. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten? +
Bei gesetzlich Versicherten ist nach § 31 Abs. 6 SGB V vor Therapiebeginn ein Antrag nötig. Voraussetzungen sind eine schwerwiegende Erkrankung, keine verfügbare Standardtherapie und eine begründete Aussicht auf positive Wirkung. Bei Nabilon (für CINV zugelassen) entfällt der Antrag.
Ist Cannabis in der Schwangerschaft erlaubt? +
Nein. Schwangerschaft gilt als Kontraindikation für THC-haltige Arzneimittel, da THC die Plazentaschranke passiert und die kindliche Hirnentwicklung beeinträchtigen kann. Quellen: Nashed, Hardy et al. 2021
Wie erhalte ich medizinisches Cannabis über Sanvivo? +
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Wie schnell wirkt Cannabis gegen Übelkeit? +
Das hängt von der Darreichungsform ab. Inhalative Anwendungen wirken meist innerhalb weniger Minuten, orale Präparate wie Dronabinol-Tropfen oder Kapseln benötigen 30 bis 90 Minuten, halten dafür aber länger an. Die Wirkung ist individuell, deshalb wird die Dosis ärztlich begleitet langsam einschleichend angepasst.
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Medizinischer Hinweis ›
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den Forschungsstand, nicht das individuelle Ansprechen einer einzelnen Patientin oder eines einzelnen Patienten. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung infrage. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärztin, deinen Arzt oder an uns in der Apotheke.
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