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Cannabis bei Krebs: Was die Studienlage zur palliativen Therapie zeigt
Wer nach Cannabis bei Krebs sucht, trifft online auf zwei gegensätzliche Erzählungen: Heilversprechen auf der einen, nüchterne Symptomlinderung auf der anderen Seite. Die belastbare Studienlage stützt nur die zweite: Medizinisches Cannabis bekämpft den Tumor nicht, sondern kann belastende Begleitsymptome mildern — Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitverlust, Schlafstörungen. Dieser Ratgeber ordnet die Evidenz ein, erklärt die Rolle von THC, Dronabinol und Nabilon und zeigt, wann eine ärztliche Verordnung infrage kommt. Ergänzend findest du unsere Indikationen-Übersicht sowie Artikel zu chronischen Schmerzen und Übelkeit.
Co-Founder & Chief Pharmaceutical Officer · Apotheker
Cannabis und Krebs: Einordnung in die palliative Medizin
Die seriöse Studienlage stützt Symptomlinderung, nicht Tumorheilung. Medizinisches Cannabis wird in der Onkologie eingesetzt, um belastende Begleitsymptome zu mildern: Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitverlust, Schlafstörungen. Quellen: Mücke, Weier et al. 2018; Sawtelle und Holle 2020
Was palliative Therapie bedeutet
„Palliativ" kommt vom lateinischen palliare — ummanteln, lindern. Ziel ist nicht Heilung, sondern weniger Beschwerden und mehr Lebensqualität, wenn eine Heilung nicht oder nicht mehr möglich ist. Palliative Symptomkontrolle kann eine Krebstherapie über Jahre begleiten.
In der gesetzlichen Krankenversicherung gilt Krebs als schwerwiegende Erkrankung. Eine Verordnung nach § 31 Abs. 6 SGB V ist möglich, wenn keine Standardtherapie zur Verfügung steht oder im Einzelfall nicht eingesetzt werden kann und eine „nicht ganz entfernt liegende Aussicht" auf spürbare Symptomverbesserung besteht. Quellen: Bundessozialgericht
Wo Cannabis ansetzt — und wo nicht
In der BfArM-Begleiterhebung mit über 16.800 Fällen diente Cannabis bei Tumorerkrankungen ausschließlich der Symptomlinderung — nicht der Tumorbehandlung selbst. Quellen: BfArM-Abschlussbericht zur Begleiterhebung 2022
Übersichtsarbeiten zeigen Hinweise auf Wirksamkeit bei chemotherapieinduzierter Übelkeit und Appetitstimulation; bei tumorbedingten Schmerzen kommen Cannabinoide häufig als Add-on zum Einsatz. Die Evidenzqualität wird oft als gering bis sehr gering bewertet. Quellen: Allan, Finley et al. 2018; Mücke, Weier et al. 2018; Whiting, Wolff et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017
Cannabis heilt keinen Krebs, stoppt das Tumorwachstum nicht zuverlässig und ersetzt keine Chemo-, Strahlen- oder Immuntherapie.
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Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie
Etwa 20–30 % der Patient:innen erleben trotz moderner Antiemetika Erbrechen während der Chemotherapie. Cannabinoide sind hier der am besten belegte onkologische Anwendungsfall. Quellen: Leitlinienprogramm Onkologie 2020; Kleckner et al. 2019
CINV: Chemotherapie-induzierte Übelkeit
CINV beschreibt akute Beschwerden in den ersten 24 Stunden und verzögerte Beschwerden bis zu fünf Tage danach. Cannabinoide wirken über CB1-Rezeptoren im Brechzentrum; THC interagiert zusätzlich mit dem 5-HT3A-Rezeptor — derselben Andockstelle wie Ondansetron. Quellen: Pertwee 2010; Huestis 2007
Studien zu THC und Dronabinol
Bereits in den 1980ern zeigten Studien, dass orales THC und Dronabinol Placebo und ältere Antipsychotika überlegen waren. Tramèr et al. (2001), Machado Rocha et al. (2008) und Smith et al. (2015) bestätigten diese Befunde; Allan et al. (2018) stuft die GRADE-Evidenz dennoch als gering bis sehr gering ein. Die NASEM-Übersicht 2017 spricht von „conclusive evidence" für orale Cannabinoide bei CINV. Quellen: Tramèr et al. 2001; Smith et al. 2015; Allan et al. 2018; NASEM 2017; Machado Rocha et al. 2008
Vergleich mit modernen Antiemetika
Die meisten Studien verglichen Cannabinoide mit Placebo oder älteren Dopamin-Antagonisten — nicht mit dem heutigen Goldstandard aus 5-HT3-Antagonisten, NK1-Antagonisten und Dexamethason. Eine RCT mit 64 Patient:innen fand Dronabinol und Ondansetron bei verzögerter CINV ähnlich wirksam. Nur Nabilon ist in Deutschland on-label für CINV zugelassen — als Drittlinientherapie. Quellen: Meiri et al. 2007; Leitlinienprogramm Onkologie 2020; Berger, Ettinger et al. 2017; Mücke, Weier et al. 2018
Bewertungen
Das sagen Patientinnen und Patienten über Sanvivo
Appetitlosigkeit und Tumor-Kachexie
Was Tumor-Kachexie ist
Tumor-Kachexie ist ein anhaltender Verlust von Skelettmuskelmasse, der sich mit normaler Ernährungstherapie nicht vollständig rückgängig machen lässt. Diagnostische Anhaltspunkte: BMI unter 18 oder ungewollter Gewichtsverlust von mehr als 2 % in zwei Monaten beziehungsweise mehr als 5 % in sechs Monaten. Quellen: Fearon et al. 2011
Studien zu THC bei Appetitsteigerung
Über CB1-Rezeptoren im Hypothalamus können Cannabinoide den Appetit steigern. Bei HIV/AIDS zeigte Dronabinol Gewichtsstabilisierung gegenüber Placebo; bei Lungenkrebs-Patient:innen steigerte 1 mg Nabilon/Tag die Kalorienzufuhr. Die große Phase-III-Studie der Cannabis-In-Cachexia-Study-Group fand jedoch keinen signifikanten Appetitunterschied zwischen Cannabis-Extrakt, reinem THC und Placebo. Quellen: Beal et al. 1995; Turcott et al. 2018; Strasser et al. 2006; Huestis 2007
Grenzen bei Gewichtszunahme
Subjektiv besserer Appetit bedeutet nicht automatisch mehr Gewicht. Dronabinol war Megestrolacetat unterlegen: 75 % berichteten unter Megestrol über mehr Appetit gegenüber 49 % unter Dronabinol. Die S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie" ordnet Cannabinoide als Drittlinientherapie bei Tumorkachexie ein. Quellen: Jatoi et al. 2002; Strasser et al. 2006; Wang et al. 2019; Arends et al. 2015; Turcott et al. 2018
Cannabinoide im Überblick: THC, Dronabinol, Nabilon, CBD
THC in Blüten und Extrakten
THC wirkt als Partialagonist an CB1 und CB2 und ist der wichtigste psychotrope Wirkstoff. Quellen: Pertwee 2008; Russo 2011
Dronabinol
Dronabinol ist pharmazeutisch exakt (−)-trans-Δ9-THC, meist als Rezepturarzneimittel verfügbar. In Übersichtsarbeiten war es bei CINV Antipsychotika und Placebo überlegen. Quellen: Tramèr, Carroll et al. 2001; Grotenhermen und Müller-Vahl 2012
Nabilon
Nabilon ist vollsynthetisch und in Deutschland on-label für CINV zugelassen. 1 mg Nabilon entspricht etwa 7–8 mg Dronabinol. Quellen: Hazekamp, Ware et al. 2013; Tramèr, Carroll et al. 2001
CBD in der Begleittherapie
Bei opioidresistenten Krebsschmerzen verbesserte THC:CBD-Kombination Schmerzen um etwa 30 % stärker als Placebo — ein THC-reicher Extrakt ohne CBD erreichte diesen Vorteil nicht. Quellen: Johnson, Burnell-Nugent et al. 2010
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Tumorschmerz und Schlaf als Add-on
Cannabinoide neben Opioiden
Bei chronischen Schmerzen wirken Cannabinoide am ehesten bei neuropathischen Schmerzen; Leitlinien nennen sie als Option der dritten Wahl. In der BfArM-Begleiterhebung erhielten parallel zu Opioden 23,3 % (Blüten) bis 39 % (Extrakte/Dronabinol/Nabiximols) der Schmerzpatient:innen Opioide. Quellen: Whiting, Wolff et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017; Petzke, Enax-Krumova et al. 2016; BfArM-Begleiterhebung 2022; Johnson, Lossignol et al. 2013
Schlafqualität
In einer Kohorte mit über 1.000 Schmerzpatient:innen besserten sich Schlafstörungen nach zwölf Monaten um etwa 33 %, parallel zu 20 % weniger Schmerzintensität. Quellen: Whiting, Wolff et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017; Aviram, Pud et al. 2021; Turcott, Del Rocío Guillen Núñez et al. 2018
Wichtige Abgrenzung: Cannabis heilt keinen Krebs
Die BfArM-Begleiterhebung stellt klar: Bei Krebspatient:innen dient Cannabis nicht der Tumortherapie, sondern der Symptomlinderung.
Präklinische Studien zeigen tumorhemmende Effekte in Zellkulturen und Tiermodellen; eine Phase-1-Pilotstudie mit neun Glioblastom-Patient:innen prüfte intrakranielles THC — sicher, aber ohne belastbaren Wirksamkeitsbeleg. Kontrollierte klinische Antitumor-Studien fehlen bis heute. Quellen: Velasco et al. 2012; Guzmán et al. 2006; Glodde et al. 2015; Armstrong et al. 2015
Selbstmedikation aus dem Schwarzmarkt ersetzt keine leitliniengerechte Krebstherapie. Quellen: Bonnet & Mahler 2015
Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Sicherheit
In der BfArM-Begleiterhebung traten bei über 16.000 Fällen häufig Müdigkeit, Schwindel, Schläfrigkeit, Übelkeit und Aufmerksamkeitsstörungen auf. Quellen: Schmidt-Wolf und Cremer-Schaeffer 2019; Ware et al. 2015
THC und CBD werden über CYP3A4 verstoffwechselt; CBD hemmt zusätzlich CYP2C19. Klinisch dokumentiert ist eine Akkumulation von Tacrolimus unter hochdosiertem CBD. Quellen: Stott, White et al. 2013; Stout und Cimino 2014; Leino et al. 2019
Kontraindikationen: Schwangerschaft, schwere psychische Erkrankungen, Alter unter 18, schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Quellen: Beaulieu, Boulanger et al. 2016; Grotenhermen und Häußermann 2017
Rolle der Ärzt:in in der Krebstherapie
Medizinisches Cannabis ist kein Mittel der ersten Wahl. Es kommt in Betracht, wenn etablierte Therapien an Grenzen stoßen oder Symptome anders nicht ausreichend gelindert werden.
Voraussetzungen für eine Verordnung
§ 31 Abs. 6 SGB V verlangt kumulativ: schwerwiegende Erkrankung, fehlende oder nicht zumutbare Standardtherapie, plausible Aussicht auf Symptomverbesserung. Krebs zählt nach Bundessozialgericht zu den schwerwiegenden Erkrankungen.
Versorgung bei Sanvivo
Bei Sanvivo erhältst du medizinisches Cannabis ausschließlich mit einem gültigen Rezept. Als Apotheke prüfen wir Rezept und Bestellung pharmazeutisch und beraten dich bei Fragen zur Anwendung und Versorgung. Die Entscheidung über eine Verordnung trifft immer deine behandelnde Ärzt:in — wir begleiten dich bei der sicheren Abgabe.
Quellen
Häufige Fragen zu Cannabis in der Krebstherapie
Welche Darreichungsformen gibt es? +
Verordnungsfähig sind Cannabisblüten, Extrakte, Dronabinol-Zubereitungen und Fertigarzneimittel wie Nabilon. Blüten werden per Vaporisator inhaliert; orale Formen wirken langsamer, dafür länger. Rauchen ist medizinisch nicht empfohlen. Welche Form passt, entscheidet die behandelnde Ärzt:in individuell.
Darf ich mit medizinischem Cannabis Auto fahren? +
Grundsätzlich ja, wenn du auf einer stabilen Erhaltungsdosis eingestellt und objektiv fahrtauglich bist. In der Einstellungsphase und bei Dosiserhöhungen solltest du nicht fahren. Eine Rezeptkopie oder ärztliche Bescheinigung kann sinnvoll sein.
Lässt sich Cannabis mit Chemo- oder Strahlentherapie kombinieren? +
In der Praxis wird medizinisches Cannabis häufig begleitend eingesetzt — vor allem gegen Übelkeit, Schmerzen oder Appetitverlust. Es ersetzt nicht die onkologische Therapie selbst. Wechselwirkungen klärt die behandelnde Ärzt:in.
Wie häufig treten Nebenwirkungen auf? +
In der BfArM-Begleiterhebung meldeten rund 45 % der Fälle unerwünschte Wirkungen — am häufigsten Müdigkeit (15 %), Schwindel (10,4 %) und Schläfrigkeit. Langsames Eindosieren reduziert das Risiko.
Wie bekomme ich bei Sanvivo ein Rezept? +
Medizinisches Cannabis ist verschreibungspflichtig. Du brauchst eine gültige ärztliche Verordnung, die du uns digital zuschicken kannst. Wähle deine Produkte im Shop, schließe die Bestellung ab und sende dein Rezept an die Apotheke. Wir prüfen Rezept und Bestellung pharmazeutisch, bevor wir liefern oder die Abholung vorbereiten.
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Weiterführend
Weitere Informationen
Indikationen
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Chronische Schmerzen
Cannabis bei chronischen Schmerzen — was die Forschung zeigt.
Übelkeit
Cannabinoide bei Übelkeit und Erbrechen.
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Cannabis bei Appetitverlust und Kachexie.
Cannabisblüten im Livebestand
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Medizinischer Hinweis ›
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den Forschungsstand, nicht das individuelle Ansprechen einer einzelnen Patientin oder eines einzelnen Patienten. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung infrage. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärztin, deinen Arzt oder an uns in der Apotheke.
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