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CBN (Cannabinol): Wirkung, Entstehung und Studienlage im Überblick
CBN gilt in Foren oft als „Schlaf-Cannabinoid“, in der Fachliteratur eher als Oxidationsprodukt von THC. Dieser Ratgeber ordnet Cannabinol von der Chemie über die Wirkung bis zum rechtlichen Rahmen in Deutschland ein — als Teil unseres Wirkstoffe-Überblicks, neben CBD und im Kontext der Cannabinoid-Grundlagen.
Co-Founder & Chief Pharmaceutical Officer · Apotheker
Was ist CBN (Cannabinol)?
CBN steht für Cannabinol und zählt zu den über 150 Cannabinoiden der Cannabispflanze. Am besten erforscht sind THC und CBD; CBN gehört zu den weiteren Cannabinoiden, deren klinische Bedeutung bislang nur teilweise verstanden ist.
Besonders ist die Entstehung: In der lebenden Pflanze entsteht Cannabinol nur in Spuren. Der Großteil bildet sich, wenn THC unter Licht und Sauerstoff abgebaut wird. CBN ist damit eher ein Alterungsprodukt als ein Hauptinhaltsstoff — und im Gegensatz zu THC selbst chemisch sehr stabil.
Chemische Einordnung
CBN ist eine terpenoide phenolische Verbindung mit dem typischen trizyklischen Benzopyran-Grundgerüst der Cannabinoide. Der strukturelle Unterschied zu THC und CBD: Bei CBN ist einer der Ringe vollständig aromatisiert. Das entsteht, wenn aus Δ⁹-THC durch Oxidation schrittweise Wasserstoffatome abgespalten werden, bis ein zusätzlicher aromatischer Ring entsteht. Cannabinol ist dadurch chemisch träger und stabiler als seine Vorläufer.
In der Pflanze liegt CBN zunächst als Säureform (Cannabinolsäure, CBNA) vor. Erst durch Trocknung, Lagerung oder Erhitzen entsteht durch Decarboxylierung das neutrale, pharmakologisch wirksame CBN.
CBN im Vergleich zu THC und CBD
Im direkten Vergleich der drei Cannabinoide ergibt sich folgendes Bild:
- THC (Tetrahydrocannabinol) ist in den meisten Kultivaren das mengenmäßig größte Cannabinoid und der wichtigste psychotrope Inhaltsstoff. Pharmakologisch wirkt es als Partialagonist an den körpereigenen Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2.
- CBD (Cannabidiol) ist das mengenmäßig häufigste nicht-psychotrope Cannabinoid. Es bindet nur schwach an CB1 und CB2 und wirkt vor allem über andere Zielstrukturen, darunter Serotonin- und TRP-Rezeptoren.
- CBN bindet ebenfalls an CB1 und CB2, jedoch deutlich schwächer als Δ⁸- oder Δ⁹-THC, mit einer leichten Präferenz für CB2. In Laborversuchen erreicht CBN als CB1-Agonist nur eine geringere Wirkstärke als THC. Eine ältere pharmakokinetische Übersicht beziffert die Aktivität von CBN auf etwa 10 % der Aktivität von THC. Quellen: Pertwee 1999; Rhee et al. 1997; Huestis 2005; Ujváry und Hanuš 2016
In frischen, gut gelagerten Cannabisblüten spielt Cannabinol mengenmäßig eine Nebenrolle. Steigt der CBN-Anteil, deutet das darauf hin, dass enthaltenes THC oxidativ abgebaut wurde.
Wie entsteht CBN? Der Abbau aus THC
Die Pflanze produziert Cannabinol nicht in nennenswerten Mengen direkt. Es entsteht überwiegend als Abbauprodukt von THC: Aus Δ⁹-THC bzw. seiner Säurevorstufe Δ⁹-THCA wird durch Oxidation schrittweise CBN gebildet. Chemisch läuft das über eine oxidative Deprotonierung am Kohlenstoff in Position 10a, gefolgt von einer weiteren Deprotonierung an Position 6a. Am Ende steht das stabile, nicht mehr oxidationsempfindliche CBN. Quellen: Hanuš, Meyer et al. 2016; Flemming, Muntendam et al. 2017; Hazekamp, Fischedick et al. 2010
Oxidation und Lagerung
Der CBN-Gehalt ist deshalb ein indirekter Qualitätsindikator für Cannabisblüten: Steigt CBN, ist parallel THC abgebaut worden. Das Deutsche Arzneibuch (DAB) begrenzt den CBN-Anteil in Cannabisblüten auf höchstens 1,0 %. Um den Abbau zu bremsen, schreibt die DAB-Monographie eine dicht verschlossene, lichtgeschützte Lagerung unter 25 °C vor. In der industriellen Verarbeitung wird teils unter Inertgas wie Argon gearbeitet, um Sauerstoff fernzuhalten. Quellen: Flemming, Muntendam et al. 2007; Hazekamp, Fischedick et al. 2010; Fairbairn, Liebmann et al. 1976
Einfluss von Licht, Wärme und Zeit
Für den THC-Abbau gelten Licht und Sauerstoff als die entscheidenden Faktoren, weniger die Temperatur an sich. Studien zeigen aber konsistent: Die Abnahme von THC korreliert mit der Lagerungszeit. In einer Untersuchung sank der THC-Gehalt zerkleinerter Blüten bei Raumtemperatur innerhalb von rund 100 Tagen um über 10 %. Intakte Trichome schützen die Cannabinoide; wird die Oberfläche verletzt, beschleunigt sich der Abbau. CBN selbst gilt anschließend als sehr stabil und wird nicht weiter oxidativ abgebaut. Quellen: Fairbairn, Liebmann et al. 1976; Lindholst 2010; Zamengo, Bettin et al. 2019; Hanuš, Meyer et al. 2016
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Wirkung von CBN im Körper
CBN ist ein Phytocannabinoid und interagiert wie THC und CBD mit dem körpereigenen Endocannabinoid-System (ECS). Das ECS besteht aus den Rezeptoren CB1 und CB2, körpereigenen Botenstoffen wie Anandamid und 2-AG sowie Enzymen, die diese auf- und abbauen. Vereinfacht arbeitet es wie ein Filter- und Entspannungssystem für Nervensignale und ist an der Regulation von Stimmung, Schmerz, Schlaf und Appetit beteiligt. Quellen: Di Marzo und Piscitelli 2015; Zou und Kumar 2018
Bindung an CB1- und CB2-Rezeptoren
CB1-Rezeptoren sitzen vor allem im Gehirn und peripheren Nervensystem und vermitteln den Großteil der psychotropen Effekte von Cannabinoiden. CB2-Rezeptoren befinden sich überwiegend auf Immunzellen und sind an entzündungshemmenden und immunmodulierenden Prozessen beteiligt. Detaillierte Bindungsdaten zu CBN tauchen in den hier ausgewerteten Quellen kaum auf. In der Fachliteratur gilt für die Neben-Cannabinoide jenseits von THC und CBD generell, dass ihre klinische Bedeutung „weitgehend unklar" ist. Quellen: Pertwee 2008; Hashiesh, Sharma et al. 2021
Sedierende Effekte und Schlaf
Cannabinol wird in populären Quellen häufig mit einer schlaffördernden Wirkung in Verbindung gebracht. Belastbare klinische Daten speziell zu CBN beim Menschen finden sich in der ausgewerteten Fachliteratur dagegen nicht. Untersucht ist, dass Δ⁹-THC schlafanstoßende Effekte zeigt, während CBD je nach Studie eher wachfördernd oder schlafverbessernd wirkt. Quellen: Freemon 1982; Nicholson et al. 2004; Murillo-Rodríguez et al. 2006
Weitere mögliche Wirkungen
Eine Aktivierung von CB1 ist mit Appetitsteigerung verknüpft, eine Stimulation von CB2 wirkt überwiegend anti-inflammatorisch. Ob und in welchem Ausmaß CBN diese Effekte selbst auslöst, ist nach aktuellem Stand der ausgewerteten Literatur nicht abschließend geklärt. Quellen: Silvestri und Di Marzo 2013; Mechoulam und Parker 2013
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Wo findet man CBN-reiche Cannabis-Produkte?
Da Cannabinol nicht in der frischen Pflanze, sondern durch Abbau von THC entsteht, gibt es keine eigene „CBN-Sorte". Der Gehalt steigt vor allem mit der Lagerzeit und mit der Belastung durch Licht und Sauerstoff.
CBN in Cannabisblüten
In frischen Cannabisblüten liegt CBN typischerweise nur in Spuren vor: gemessen wurde im Mittel rund 0,09 % (± 0,05 %) im getrockneten Pflanzenmaterial. Das DAB begrenzt den CBN-Gehalt in Cannabisblüten auf höchstens 1,0 %, weil ein höherer Wert auf einen unerwünschten THC-Abbau durch unsachgemäße Verarbeitung oder Lagerung hinweist. Quellen: Pacifici, Marchei et al. 2017; Flemming, Muntendam et al. 2017; Hazekamp, Fischedick et al. 2010
CBN in Vollspektrum-Extrakten und Ölen
Vollspektrum-Extrakte (häufig auch „Cannabisöl" genannt) bilden das Inhaltsstoffspektrum der Blüte breiter ab als Reinstoff-Zubereitungen. Sie enthalten neben THC und CBD weitere Begleitcannabinoide, darunter auch CBN. Im DAB-Eingestellten Cannabisextrakt darf CBN höchstens 2,5 % betragen. Quellen: Russo 2011; McPartland und Russo 2001
Studienlage zu CBN
Wer nach belastbarer Evidenz zu Cannabinol sucht, stößt schnell auf eine ernüchternde Realität: Die wissenschaftliche Datenlage zu CBN als eigenständigem Wirkstoff ist im Vergleich zu THC und CBD deutlich dünner. Die im Folgenden zitierten Übersichtsarbeiten beziehen sich überwiegend auf Cannabinoide allgemein, nicht spezifisch auf isoliertes CBN.
Schlaf und Sedierung
Übersichtsarbeiten deuten an, dass Cannabinoide bei Insomnie, etwa im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen oder dem Fibromyalgiesyndrom, wirksam sein können. Eine isolierte schlaffördernde Wirkung von CBN, wie sie in vielen populären Quellen behauptet wird, ist durch klinische Studien bislang nicht eindeutig belegt. Quellen: Whiting et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017
Schmerz und Entzündung
Für chronische Schmerzen liegen Daten aus rund 30 randomisierten kontrollierten Studien mit etwa 2.500 Patient:innen vor. Diese betreffen jedoch fast ausschließlich THC, CBD oder Kombinationen, nicht CBN. Spezifische klinische Wirksamkeitsdaten zu Cannabinol bei Schmerz oder Entzündung fehlen im Quellenmaterial. Quellen: Whiting et al. 2015; Karst, Wippermann et al. 2010
Forschungslücken
Die zurückhaltende Investition in die klinische Entwicklung von Cannabinoiden wird in der Fachliteratur auch als „Cannabis-Dilemma" beschrieben. Für CBN bedeutet das konkret: Es fehlen größere, methodisch hochwertige, placebokontrollierte Studien am Menschen. Quellen: Grotenhermen und Häußermann 2017
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CBN, Recht und ärztliche Verordnung in Deutschland
Rechtlicher Status
Cannabinol kommt in der Cannabispflanze immer zusammen mit anderen Cannabinoiden vor, und genau das prägt seinen rechtlichen Status. Cannabis und seine Zubereitungen sind in Deutschland in Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) geführt. Damit sind sie verkehrs- und verschreibungsfähig, aber nur über ein Betäubungsmittelrezept. Seit dem Cannabisgesetz vom 10. März 2017 dürfen Ärzt:innen Cannabisblüten und cannabisbasierte Zubereitungen für Patient:innen verordnen. Reines, isoliertes CBN ist als eigenes Arzneimittel in Deutschland nicht zugelassen; CBN-Gehalte tauchen praktisch immer im Rahmen von Cannabisblüten oder -extrakten auf, die als Rezepturarzneimittel abgegeben werden.
Verschreibung und Apothekenabgabe
Die Verschreibung darf laut Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtMVV) ausschließlich durch Ärzt:innen erfolgen, nicht durch Zahn- oder Tierärzt:innen, und ohne Bindung an eine bestimmte Facharztgruppe. Ob eine Cannabistherapie medizinisch sinnvoll ist und welches Präparat passt, entscheidet die behandelnde Ärzt:in im Einzelfall. Bei uns in der Apotheke prüfen wir Rezept und Produktangaben und geben Cannabisarzneimittel nur auf gültige Verordnung ab.
Quellen
Häufige Fragen zu CBN
Macht CBN high? +
CBN bindet deutlich schwächer an CB1- und CB2-Rezeptoren als THC und gilt mit rund 10 % der THC-Aktivität als nur leicht psychoaktiv. Tierexperimentell zeigt Cannabinol einige THC-ähnliche Effekte über den CB1-Rezeptor, ein vergleichbarer Rausch bleibt aber aus. Belastbare Studien zur subjektiven Wirkung beim Menschen fehlen weitgehend. *Quellen: Pertwee 1999; Rhee et al. 1997; Huestis 2005*
Wie unterscheidet sich CBN von CBD? +
CBD ist das mengenmäßig häufigste nicht-psychotrope Cannabinoid und bindet nur schwach an CB1/CB2; es wirkt zusätzlich über Serotonin- und TRPV-Kanäle. CBN entsteht dagegen als Abbauprodukt aus THC und ist schwach CB-Rezeptor-aktiv, also leicht psychoaktiv. Im Arzneibuch dient der CBN-Gehalt zudem als Qualitätsmarker: Er zeigt, wie weit THC in gelagerten Blüten bereits abgebaut ist. *Quellen: Pertwee 2008*
Kann CBN beim Drogentest anschlagen? +
Drogenvortests im Straßenverkehr sind primär auf THC und seinen Metaboliten THCA gerichtet. CBN lässt sich im Blut zwar messen und kann auf einen kürzlichen Cannabiskonsum hinweisen, ist aber nicht der zentrale Zielanalyt der forensischen Routine. Beweissichere Verfahren wie GC-MS oder LC-MS/MS bestimmen THC, 11-OH-THC und THCA. Eine ärztlich verordnete Cannabistherapie solltest du bei Kontrollen immer transparent machen. *Quellen: Lee et al. 2012; Moeller und Kraemer 2002; Mußhoff und Madea 2006*
Welche Nebenwirkungen sind bekannt? +
Spezifische klinische Daten zu reinem CBN fehlen weitgehend. Da Cannabinol aus THC entsteht und schwach an CB-Rezeptoren bindet, sind THC-ähnliche Effekte wie Müdigkeit oder leichte Sedierung denkbar, aber nicht ausreichend belegt. Für Cannabisarzneimittel insgesamt gelten Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit und Übelkeit als häufigste unerwünschte Wirkungen. Anwendungsfragen klärst du mit deiner behandelnden Ärzt:in. *Quellen: Cremer-Schaeffer 2019; Schmidt-Wolf und Cremer-Schaeffer 2019*
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Medizinischer Hinweis ›
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den Forschungsstand, nicht das individuelle Ansprechen einer einzelnen Patientin oder eines einzelnen Patienten. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung infrage. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärztin, deinen Arzt oder an uns in der Apotheke.
